PEKIP® - Experteninterview mit Isolde Gertig

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Sie heißen PEKIP®, EIBA oder DELFI: der Run auf Babykurse zur Frühförderung der ganz Kleinen ist groß, und oft sind die Kurse lange im voraus schon ausgebucht. Gleichzeitig wimmelt es hier und da von Vorurteilen gegenüber PEKIP und Co.. Alles nur was für Helikopter-Mamas und ihre Streberkinder in spe?! Wir wollten mehr über  Babykurse wissen und mit Vorurteilen aufräumen. Also haben wir uns zum Interview mit Isolde Gertig von der Inklusions-Akademie München getroffen. Sie selbst stand Babykursen vor 15 Jahren skeptisch gegenüber. Heute gibt sie selbst PEKIP-Kurse und liebt ihren Beruf. 

Rund 40 Jahre gibt es inzwischen PEKIP-Kurse. Was ist das Erfolgsgeheimnis von PEKIP und woran liegt es, dass dieses Konzept bis heute nicht an Aktualität eingebüßt hat? So genau lässt sich das Erfolgsgeheimnis für mich auch gar nicht beschreiben. Vielleicht liegt es daran, dass man sich unter PEKIP erst mal gar nichts vorstellen kann und dass die Mamas einfach neugierig sind, was denn dieses PEKIP eigentlich ist. So ähnlich ging es mir vor 15 Jahren ja auch. PEKIP ist nichts revolutionär Neues, aber wer PEKIP kennt, weiß, es  ist ein wunderbares Begleitungsprogramm für Eltern mit Kindern im ersten Lebensjahr.

Und wie lange gibst Du schon PEKIP-Kurse? Seit 13 Jahren biete ich Kursprogramme für Eltern mit Kindern.  Erst hab' ich noch nach dem richtigen Kurs für meine Tochter und mich gesucht. Dann bin ich auf PEKIP gestoßen und dachte mir, was das denn wohl ist. Da habe ich festgestellt, dass ich mit meinem Baby nicht einfach so einen Kurs besuchen konnte.  Man hätte sich am besten schon während der Schwangerschaft anmelden müssen, hieß es  - und das machte mich neugierig. 

Welche Inhalte vermittelt ein PEKIP-Kurs? Ein PEKIP-Kurs hat grob vier Ziele: Das eine ist, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern zu stärken, zu fördern und zu begleiten. Das andere, dass man die Eltern beziehungsweise das Kind ein Jahr lang mit entsprechenden Spiel- und Bewegungsanregungen in seiner Entwicklung begleitet und unterstützt. Der Kontakt und Erfahrungsaustausch zwischen den Müttern und Vätern wird gefördert, aber auch dem Kind wird der erste Kontakt zu Gleichaltrigen und auch zu anderen Erwachsenen in der Gruppe ermöglicht.

Haben sich die Inhalte im Vergleich zu früher verändert? Ja und nein würde ich sagen.  Es gibt zwar über den PEKIP-Verein immer wieder kleine Veränderungen oder neue Sichtweisen, wie einzelne Übungen zu handhaben sind, aber jede PEKIP-Gruppenleiterin entscheidet auch für sich, worin in ihrer Gruppe die Schwerpunkte liegen.  

Warum müssen die Babys bei PEKIP immer nackt sein? Mich persönlich hat die Vorstellung, dass sich mehrere nackte Babys nach und nach bei 26 Grad einpieseln, durchaus abgeschreckt. Ja, die Babys sind nackt und das ist ja das wunderbare für die Babys. Folgendes kennen sicherlich alle Eltern: Sobald die neugeborenen Babys nackt sind, bewegen sie sich plötzlich. Kaum sind sie angezogen, kann man sie wirklich beliebig irgendwohin legen, und sie bleiben liegen. Ist die Windel also ab, bewegen sie sich ganz anders. Und so ist das auch noch nach ein paar Wochen und Monaten. Babys können Bewegungsabläufe ganz anders verinnerlichen und was im nackten Zustand funktioniert, klappt auch im angezogenen viel besser. Im Kurs liegt jedes Baby auf einem Handtuch, und wir achten immer darauf, dass die Babys nie im Nassen liegen und dass auch wir mit den Füßen oder sonstigem nur Trockenes berühren. 

Jan Böhmermann hat in einem Interview mal gemeint: „Mich widern diese schwer engagierte PEKIP-Eltern mit ihren frühgeförderten Hochbegabtenscheißkindern an.“ Auch Jan Delay hat im Interview geäußtert, er würde niemals zu einem PEKIP-Kurs gehen. Wie erklären sie sich diese Vorbehalte gegenüber PEKIP? Ich denke, es ist einfach eine gewisse Unsicherheit. Damals wurde ich auch angesprochen , ob ich jetzt so eine Kampfmutter wäre und mit meinem Kind PEKIP machen würde. Ich sage zu meinen Müttern meistens bereits in der ersten Stunde: Das Vergleichen lassen wir draußen. Es geht nicht darum, welches Kind zuerst in die Mitte krabbelt oder steht, sondern darum,  die Persönlichkeit des Babys kennenzulernen. 

Wie lange dauert ein Kurs? Der Kurs erstreckt sich  über ein Jahr, also bis zum 1. Geburtstag des Kindes. 

Benötigen Babys überhaupt Frühförderung, oder tendieren wir in der heutigen Zeit dazu, unsere Kinder zu über-fördern (und zu überfordern)? Wie heißt es so schön: Kinder bringen alles mit. Grundsätzlich muss man aber zunächst definieren, was "Frühförderung" oder Überförderung eigentlich  ist oder für sich bedeutet. Ich glaube, wenn eine Mama oder ein Papa zu Hause das Kind in den Alltag integriert und nicht den Alltag in das Kind, ist schon ganz viel gewonnen. Viele Eltern wünschen oder brauchen aber wenigstens einen festen Termin in der Woche und den Austausch mit anderen Eltern. Und das ist natürlich absolut verständlich und PEKIP ermöglicht diesen Austausch in Verbindung mit Spielen und Bewegungsanregungen. Die Mamas waren oft 15, 20 Jahre im Beruf oder Projekten und dann ist plötzlich das Baby da. Im Kurs helfe ich ihnen dabei, wieder auf ihr Bauchgefühl zu hören und darauf zu vertrauen, das richtige zu tun.

Bei PEKIP wird darauf geachtet, dass alle Babys ungefähr gleich alt sind – aber brauchen Babys überhaupt andere Babys als „Spielgefährten“? Ja, ich achte sehr darauf, dass das Alter nicht mehr als 4-6 Wochen variiert. So sind die Babys meist in einem ähnlichen Entwicklungsstand und die Eltern, haben ähnliche Fragen, Wünsche, Bedürfnisse, Sorgen und Ängste. Ja, es entwickeln sich schon unter den Kindern kleine Freundschaften. Babys reagieren ja sehr auf andere Babys und schauen sich voneinander Sachen ab. Und wir sind einfach manchmal schlechte Vorbilder, vor allem was das krabbeln oder den Vierfüßlerstand betrifft. Wenn aber zum Beispiel ein Baby die anderen Babys beim Krabbeln sieht, macht’s manchmal „Klick“ und sie probieren’s auch aus. 

Warum sollte ich einen PEKIP-Kurs besuchen? Kann ich die PEKIP-Atmosphäre nicht ganz einfach von zu Hause aus nachempfinden und mir Anregungen per DVD holen? Ich glaube, das ist nicht das Gleiche. Diejenigen, die überhaupt keinen PEKIP-Kurs besuchen können, können sich sicherlich per DVD Anregungen holen. Ich würde es aber schade finden, wenn parallel eine DVD läuft, während das Kind auf dem Boden liegt und die Mama auf die DVD schaut, um ein Programm abzuspulen. Das ist ja nicht der PEKiP-Gedanke. Der Schwerpunkt liegt schließlich im Kontakt zum Baby. 

Gibt es ein besonders einschneidendes Erlebnis aus einem Kurs, von dem Sie uns gerne erzählen möchten? Da würden mir wahrscheinlich ganz viele einfallen. Ich bin ja seit über zwölf Jahren Kursleiterin. Da gibt’s eigentlich täglich ganz viele, wunderschöne Erlebnisse und Momente. Ich find’s einfach immer zauberhaft, wie die Kinder schauen, alles aufnehmen, beobachten und wie sie miteinander in Kontakt gehen. 

„Mama macht Spaß“ gibt Mamas Anregungen für die Beschäftigung ihrer Kinder/ihres Kindes. Haben Sie spontan einen tollen Beschäftigungs-Tipp auf Lager? Nein, denn ich hab ehrlich gesagt, ein bisschen was dagegen, das Kind einfach zu beschäftigen oder zu bespaßen. Das wollen Kinder auch gar nicht, Kinder wollen dabei sein. Kinder wollen Kontakt. Kindern ist es egal, ob ich das Bad putze oder die Spülmaschine ausräume - ich kann mein Kind immer irgendwie dabeihaben, es mithelfen lassen und so miteinander Spaß haben. Gut, das dauert vielleicht eine Viertelstunde länger, aber was will unser Kind: Kontakt. Und das wiederrum erleichtert doch auch mir den Alltag mit meinem Kind. Ja, vielleicht habe ich doch noch einen Tipp: Nehmen sie sich Zeit für das Kind. Zeit zu beobachten und seien sie weiter neugierig auf die Welt ihres Kindes. Tauchen sie ein, in die Welt ihres Kindes und genießen es Dinge mit ihrem Kind gemeinsam zu tun. Warum das Kind jetzt was, wie spielt, müssen wir nicht immer verstehen...wir brauchen nur da sein, dürfen genießen...mehr braucht es nicht.

Gibt es sonst noch etwas, was sie unseren Mamas gerne auf den Weg geben würden? Nur das eine: Behalten sie sich die Neugierde auf ihr Kind! Diese Neugierde, die man in den ersten Wochen und Monaten noch hat. Wie wird das Baby? Wie wird es sich entwickeln, wie wird es die ersten Laute von sich geben? Findet es Musik toll oder mag es gerne Autos oder oder oder? Das Vergleichen können sie getrost vor der Türe lassen. Leben sie lieber die Beziehung zu ihrem Kind. Eine gleichwürdige Beziehung zu unserem Kind ist wahrscheinlich das größte Geschenk, welches wir uns und unserem Kind geben können. Nur so kann aus Erziehung, Beziehung werden.

Vielen Dank für das Gespräch und diesen schönen Schlusssatz  


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