Baby-Zeichensprache: Interview mit Vivian König

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Mit dem Baby kommunizieren, wenn es noch gar nicht sprechen kann? Das funktioniert tatsächlich! Vivian König hat das Thema "Babyzeichensprache" unter dem Begriff  "Zwergensprache" im deutschsprachigen Raum populär gemacht. Sie leitet das Zwergensprache-Netzwerk mit ca. 160 lizenzierten KursleiterInnen, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz Kurse, Workshops und Kita-Seminare zu Babyzeichen anbieten. Wir hatten die Gelegenheit, sie zu interviewen. 

Bei der  CD „Liederzwerge - Lieder aus dem Zwergensprache-Kurs“ (HIER erhältlich) hat sie als Expertin mitgewirkt und anschauliche Videos beigesteuert. Wo liegt der Ursprung der Zwergensprache und wie bist du zur Zwergensprache gekommen? Ursprung und Verbreitung von „Baby Sign Language“ liegen im englischen Sprachraum. In den USA ist sie seit Jahren Bestandteil des Alltags in vielen Kindergärten. Seit 2004 finden Kurse auch in Deutschland, Österreich und in der Schweiz immer mehr Verbreitung. Geforscht wird auf dem Gebiet des „baby signing“ schon seit mehr als 20 Jahren. Der Kinderpsychologe Dr. Joseph Garcia beobachtete in seinen Studien, dass Kinder die Hand-Augen-Koordination wesentlich schneller erlernen als die gesprochene Sprache. Hörende Babys, von denen ein Elternteil gehörlos war, konnten viel früher (mit 9 Monaten) mit Gebärden (bis zu 57) kommunizieren als gleichaltrige Kinder sprechen. Dem kleinen Sohn einer lieben Freundin, der mir mit nur 10 Monaten die Bilder in seinem Kinderzimmer erklären konnte, habe ich es zu verdanken, dass Babyzeichen Einzug in unsere Familie gehalten haben. Durch ihn und meine beiden Kinder habe ich vor ca. 12 Jahren meine Berufung gefunden: Klein und Groß die Freude am frühen Dialog durch Babyzeichen weitergeben zu dürfen.

 Was kann Zwergensprache leisten? Babyzeichen dienen dem Kind als eine altersentsprechende Brücke auf dem Weg zur Lautsprache, mit der es Wünsche, Bedürfnisse und Gedanken leichter ausdrücken kann. Babyzeichen unterstützen die kindliche Entwicklung in den folgenden Bereichen:

  • Förderung von Nähe, Austausch, Blickkontakt 
  • Verständnis, Erlernen und Wiedererkennen von Worten
  • Unterstützung des Spracherwerbs durch Einbezug vieler Sinne (sehen, hören, fühlen, selber tun,…)
  • die Kombination von Sprache + Bewegung macht Sprache sicht- und erlebbar und begleitet Rituale
  • Verstehen und Verstanden werden macht zufrieden, schafft Selbstvertrauen und lässt die Kleinsten interaktiv teilhaben

 Ab welchem Alter können Babys überhaupt schon über Zwergensprache kommunizieren bzw. erste Gebärden lernen? Erste Babyzeichen können manche Kinder schon im Alter von 6 bis 9 Monaten nachahmen und bewusst anwenden.  Meine Tochter hat quasi vom ersten Tag an Babyzeichen erlebt. Sie verstand mit 4 Monaten das Zeichen für „Milch“ und verwendete es mit 5 Monaten selbst. Andere Kinder saugen erst einmal nur alles auf, speichern erste Begriffe ab und äußern sich selbst erst viel später.

Wie bringen Sie Eltern und Kindern eine neue Gebärde bei? Können sie das anhand einer Beispielgebärde erläutern? Das passiert beim Sprechen und Handeln einfach im Kontext der Situation. Ich untermale das Schlüsselwort mit der entsprechenden Handbewegung der Gebärde. Das Kind wird z.B. angesprochen und hört die Worte: „Wollen wir etwas TRINKEN?“ und sieht dazu gleichzeitig die Gebärde. Auf diese Weise werden automatisch ablaufende Handlungen bewusster mit Sprache begleitet. Die Zeichenauswahl im Kurs ( Anfängerkurs ca. 80) ist ein Querschnitt durch den Alltag, so dass man viele Situationen und auch Rituale gut damit begleiten kann. Was man daraus macht und für sich übernimmt, entscheidet jede Familie selbst. 

Wie viele Gebärden beherrschen Sie selbst ungefähr? Für den Umgang mit Babys und Kleinkindern hat sich ein Wortschatz von ca. 500 Gebärden etabliert, der alle klassischen Alltagssituationen und kindlichen Interessen abdeckt.  

Gibt es bereits Studien, die den Erfolg der Zwergensprache belegen? Langzeitstudien von Dr. Linda Acredolo und Dr. Susan Goodwyn aus Kalifornien konnten verschiedene Vorteile der Babyzeichen für die gesamte kindliche Entwicklung belegen u.a., dass sie sich positiv sowohl auf die rezeptive (Sprachverständnis) als auch die expressive Komponente (Sprechvermögen) der Sprachentwicklung sowie auf die Größe des Wortschatzes und den Sprechbeginn auswirken. Aber das frühe Sprechen ist nicht das primäre Ziel der Zwergensprache und jedes Kind hat hier seinen eigenen Fahrplan – ganz ohne Druck. Es geht vielmehr um ein Miteinander auf Augenhöhe. 

Wird Zwergensprache schon in vielen KITAs eingesetzt? Immer mehr Kitas erleben, welches Potential für das Miteinander und das Sprechenlernen in Kindergebärden steckt. Begleitende Gesten als sprachliches Angebot geben den Kindern gerade auch in der Einrichtung eine sichtbare Orientierung in der täglichen Routine. 

Fällt ihnen ein Beispiel aus ihrer Praxis ein, in dem Zwergensprache zwischen Mama und Kind besonders gut gelungen ist? Oder auch ein lustiges Beispiel für ein Missverständnis zwischen Mama und Kind? Ich befürchte, es gibt unzählige davon ;-). Hier eine exemplarische Anekdote: Kind und Mama wollen am Morgen in die Kita starten. Nur die Schuhe müssen noch angezogen werden. Prima – geschafft. Mami freut sich. Elisa jedoch zeigt aufgeregt das Zeichen für AUA und SCHUH. Dadurch kommt die Mama darauf, ihr den Schuh nochmals abzuziehen und tatsächlich – ein Stein! Ohne die Zeichen hätte die Mutter ihr Quengeln sicher als „Ich will nicht in die Krippe!“ ausgelegt. 

Wem empfehlen sie die Kommunikation über Zwergensprache ganz besonders? Sie eignet sich für alle Kinder. Kleinkinder nutzen im Alter bis zu zwei Jahren verstärkt Mimik, Gestik und Körpersprache, um sich mitzuteilen. In dieser Zeit profitieren sie vom bewussten Einsatz der Babyzeichen. Auch bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern sind Gesten wie natürliche Helfer. Sie unterstützen außerdem alle  Kinder mit Einschränkungen und wirken integrativ. 

Haben Sie eine persönliche Lieblingsgebärde? Die Gebärde für „mehr / noch einmal“ ist das Zauberzeichen, das Kinder glücklich macht, weil sie Wiederholungen lieben. 

„Mama macht Spaß“ gibt Mamas Anregungen für die Beschäftigung ihrer Kinder/ihres Kindes. Haben Sie, ganz abseits der Zwergensprache, einen tollen Beschäftigungs-Tipp auf Lager? Für die Kleinsten sind Seifenblasen drinnen oder draußen immer wieder neu der Renner.  

Gibt es sonst noch etwas, was sie unseren Mamas noch gerne auf den Weg geben würden? Ihr seid die Experten für Euer Kind. Vertraut auf Euer Bauchgefühl, habt offene Augen und Herzen, für das, was Eure Kinder brauchen: Eure Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung, Zeit mit Euch und zum Spielen. Mit Euren Kindern könnt Ihr die Welt ein zweites Mal neu entdecken. Diese Jahre kommen nicht zurück. Nutzt sie jetzt sinnvoll und habt Spaß daran, denn Kinder sind zur Freude da. Die Wellen des Alltags lassen uns alle auf und ab schwimmen, aber mit einem festen Band und kleinen Glücksmomenten an jedem Tag, wie sie z.B. Babyzeichen bescheren können, segelt es sich besser durch das Leben. Also gestaltet es aktiv und nach Euren Wünschen, denn für unser Glück sind wir selbst zuständig. Dankeschön! :-)   Wir sagen danke - auch für den schönen Schlusssatz :-)


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